Wenn Erwartungen die Realität überholen – Q3 2026
Neue Technologien verändern die Zukunft. Die Erwartungen an sie entwickeln sich jedoch häufig schneller als ihre wirtschaftliche Realität. Die Geschichte zeigt, dass grosse Innovationen zunächst Begeisterung und hohe Bewertungen auslösen, lange bevor sich ihr tatsächlicher wirtschaftlicher Wert vollständig entfaltet. Mit der Zeit gleichen sich Erwartungen und Realität wieder an, die Euphorie lässt nach und die Bewertungen normalisieren sich – die Innovation selbst bleibt.
Das Internet hat die Welt nachhaltig verändert. Dennoch verloren selbst viele der späteren Gewinner während der Dotcom-Korrektur zeitweise mehr als 80 Prozent ihres Börsenwertes, bevor ihre Unternehmen Jahre später in diese Bewertungen hineinwuchsen – während zahlreiche andere ganz vom Markt verschwanden. Innovation und Bewertung folgen dabei selten demselben Tempo.
Für die Gegenwart ergibt sich daraus eine wichtige Beobachtung. Marktkorrekturen entstehen nicht ausschliesslich in Phasen wirtschaftlicher Schwäche oder einer Rezession. Sie können ebenso auftreten, wenn Erwartungen schneller steigen als die wirtschaftliche Realität. In solchen Phasen wird nicht die Innovation infrage gestellt, sondern ihre Bewertung.
Hohe Bewertungen führen dabei nicht zwangsläufig zu fallenden Märkten. Sie verändern jedoch das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken: Das verbleibende Aufwärtspotenzial wird kleiner, die Fallhöhe im Enttäuschungsfall grösser. Das bedeutet nicht, dass eine Korrektur unmittelbar bevorsteht. Es bedeutet vielmehr, dass sich die Ausgangslage verändert.
Genau dieses Spannungsfeld zwischen Innovation, Erwartungen und Bewertungen lässt sich in jeder grösseren Technologiephase beobachten. Der heutige KI-Investitionszyklus bildet dabei keine Ausnahme.
Ein aktuelles Beispiel
Die langfristigen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz stehen ausser Frage. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Geschwindigkeit der Investitionen und die damit verbundenen Erwartungen in einzelnen Bereichen bereits teilweise vorweggenommen wurden.
Konkret zeigt sich dies in einem Mechanismus, der zuletzt unter dem Begriff der KI-Finanzierungsschleife diskutiert wurde. Vereinfacht gesagt investieren einige grosse Chip- und Cloud-Anbieter in KI-Unternehmen. Ein Teil dieses Kapitals fliesst anschliessend wieder zurück, indem diese Unternehmen Rechenleistung und Chips bei genau diesen Anbietern einkaufen. Dadurch entstehen Kapitalströme, die teilweise innerhalb derselben Wertschöpfungskette zirkulieren. Ein vergleichbares Muster zeigte sich um die Jahrtausendwende in der Telekombranche, als Ausrüster das Wachstum ihrer eigenen Kunden mitfinanzierten – bis die Nachfrage hinter den Erwartungen zurückblieb und sich diese Verflechtungen zurückbildeten.
Ein Teil des ausgewiesenen Wachstums basiert damit auf Kapitalströmen innerhalb desselben Ökosystems. Solange diese Investitionen anhalten, bleibt dieser Mechanismus bestehen. Verlangsamt er sich, können sich auch die Wachstumserwartungen entsprechend anpassen.
Schätzungen verschiedener Marktanalysen gehen davon aus, dass sich die inzwischen aufgelaufenen gegenseitigen Finanzierungs- und Investitionsverflechtungen auf weit über 800 Milliarden US-Dollar summieren. Gemessen am gesamten US-Aktienmarkt erscheint dieser Betrag zunächst überschaubar. Entscheidend ist jedoch weniger die absolute Höhe als die Konzentration dieses Kapitals auf wenige Unternehmen, die heute einen bedeutenden Teil der Indexentwicklung bestimmen. Im Fall einer Enttäuschung würde dort nicht primär ein einzelner Betrag neu bewertet, sondern die Wachstumserzählung, die diese Bewertungen trägt.
Der KI-Investitionszyklus ist deshalb weniger eine Prognose als ein aktuelles Beispiel dafür, wie Erwartungen, Kapitalströme und Bewertungen zusammenwirken können. Ob eine spätere Neubewertung tatsächlich von dort ausgeht oder durch andere Entwicklungen ausgelöst wird, bleibt offen. Der zugrunde liegende Mechanismus ist hingegen zeitlos.
Bekannte Risiken sind nicht automatisch berücksichtigt
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb weniger im Risiko selbst als in seiner Einordnung. Die beschriebenen Zusammenhänge sind längst bekannt und werden breit diskutiert. Daraus jedoch zu schliessen, sie seien deshalb bereits vollständig in den Bewertungen berücksichtigt, wäre voreilig. Bekannt zu sein und bereits im Markt berücksichtigt zu sein, sind zwei verschiedene Dinge.
Die Kapitalmärkte haben immer wieder gezeigt, dass Risiken nicht allein dadurch an Bedeutung verlieren, weil über sie gesprochen wird. Entscheidend ist vielmehr, wie Erwartungen, Bewertungen und das Verhalten der Marktteilnehmer zusammenwirken. Solange sich diese nicht verändern, bleibt auch die Ausgangslage weitgehend unverändert.
Gerade in Phasen grosser Zuversicht entsteht häufig eine hohe Konzentration auf wenige Themen oder Unternehmen. Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch problematisch. Je einseitiger die Erwartungen jedoch werden, desto empfindlicher reagieren Bewertungen auf Enttäuschungen – nicht weil sich die langfristigen Perspektiven grundlegend verändern, sondern weil zuvor sehr viel Positives bereits vorausgesetzt wurde.
Hier liegt der eigentliche Kern. Ein überraschendes Ereignis trifft die Marktteilnehmer unterschiedlich positioniert: Einige sind betroffen, andere abgesichert, wieder andere stehen auf der Gegenseite und kaufen. Der Druck verteilt sich. Bei einem breit bekannten Risiko ist es umgekehrt. Weil alle dieselbe Einschätzung teilen und dennoch investiert bleiben, sind die meisten gleichgerichtet positioniert – auf derselben Seite, in denselben wenigen Unternehmen. Ändert sich nun die Einschätzung, wollen nicht einzelne Marktteilnehmer verkaufen, sondern nahezu alle gleichzeitig. Und wenn alle zur selben Zeit durch dieselbe Tür wollen, fehlt die Gegenseite, die kauft. Der Markt fällt dann nicht geordnet, sondern abrupt. Genau deshalb können bei einseitiger Positionierung bereits kleine Veränderungen der Erwartungen überdurchschnittlich starke Bewegungen auslösen.
Der heutige KI-Investitionszyklus verdeutlicht dieses Zusammenspiel in besonderem Masse. Er verbindet hohe Erwartungen, aussergewöhnliche Investitionen und eine starke Konzentration der Kapitalströme auf wenige Unternehmen – also genau jene Bedingungen, unter denen eine einseitige Positionierung entstehen kann.
Schlussgedanken
Neue Technologien werden auch künftig Innovation, Produktivität und wirtschaftlichen Fortschritt vorantreiben. Daran bestehen kaum Zweifel. Ebenso spricht vieles dafür, dass Kapitalmärkte auch in Zukunft immer wieder Phasen erleben werden, in denen Erwartungen der wirtschaftlichen Realität vorauslaufen und sich Bewertungen entsprechend anpassen.
Für Investoren besteht die Herausforderung deshalb weniger darin, den nächsten Wendepunkt vorherzusagen. Wichtiger ist es, Erwartungen, Bewertungen und Risiken laufend neu einzuordnen und daraus Entscheidungen mit der notwendigen Disziplin abzuleiten.
Eine Normalisierung der Bewertungen wäre aus dieser Sicht keine aussergewöhnliche Entwicklung, sondern Teil eines wiederkehrenden Marktmechanismus. Innovation und Bewertung entwickeln sich selten im gleichen Tempo – genau darin liegt die Herausforderung eines langfristig ausgerichteten Risikomanagements.
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